Das Problem funktional betrachten
Was wir beobachten können – und ich sage bewusst beobachten, nicht deuten –, ist eine Verhaltenskette: Auslöser war Deine Absage. Darauf folgte ein verändertes Verhalten in der Sitzung, Rückzug und kühle Höflichkeit. Dein Ansprechen führte nicht zu einer Öffnung, sondern zu weiterem Rückzug. Dann der Abbruch per Mail – maximale Distanz bei gleichzeitiger Höflichkeit. Das ist eine Vermeidungsstrategie, und zwar eine sehr effektive: Sie beendet den aversiven Zustand zuverlässig und sofort. Kurzfristig entlastend, langfristig teuer – weil sie genau die Erfahrung verhindert, die korrigierend wäre.
Die entscheidende Frage ist: Was genau wird vermieden? Da würde ich nicht vorschnell auf Verlassenwerden oder Kränkung setzen, sondern das von ihr erfragen. Vielleicht ist es Ärger, den sie nicht zeigen darf. Vielleicht Bedürftigkeit, die sich unerträglich anfühlt. Vielleicht Scham darüber, dass ihr etwas so Kleines so viel ausmacht. Das macht einen Unterschied, weil es bestimmt, worauf die Arbeit abzielt.
Was das für die Wiederaufnahme heißt
Für die erste Sitzung würde ich nicht mit einer fertigen Rahmung kommen, sondern zwei Dinge tun.
Erstens, ganz pragmatisch mit ihr klären, was sie sich von der Weiterarbeit erhofft – als funktionale Zielanalyse: Was soll am Ende der Therapie anders sein als jetzt? Und dabei explizit auch das interpersonelle Thema einbeziehen, falls sie es nicht von selbst tut: „Passiert Ihnen das, was hier passiert ist – Rückzug, wenn es schwierig wird –, auch in anderen Beziehungen?“ Das ist eine sachliche Frage, keine Deutung.
Zweitens würde ich mit ihr ein gemeinsames Modell entwickeln. Nicht heimlich in Deinem Kopf, sondern transparent, auf Papier, wenn nötig: Was war der Auslöser, was der Gedanke, was das Gefühl, was das Verhalten, was die kurzfristige Konsequenz, was die langfristige? Wenn sie das mit Dir durchgehen kann, passieren zwei Dinge gleichzeitig: Sie versteht ihr eigenes Muster besser, und sie macht die Erfahrung, dass sie mit Dir über etwas Unangenehmes sprechen kann, ohne dass die Beziehung zerbricht.
Zu Deiner Erleichterung
Verhaltenstherapeutisch würde ich das schlicht formulieren: Zwanzig Stunden mit einer Patientin, die wenig gibt und sich bei Frustration entzieht, sind anstrengend. Deine Erleichterung war vermutlich eine nachvollziehbare Reaktion darauf, dass diese Anstrengung wegfiel. Das macht Dich nicht zur Mitspielerin in einem unbewussten Drama – es macht Dich menschlich. Wichtig ist nur, dass Du es jetzt weißt und darauf achtest, dass es Dein Verhalten in der Wiederaufnahme nicht subtil beeinflusst – etwa durch eine Tendenz, Schwieriges zu umgehen, weil es beim letzten Mal schlecht ausgegangen ist.
Was mich interessiert: Weißt Du, ob sich dieses Abbruchmuster auch in anderen Beziehungen zeigt – oder ob es spezifisch in der therapeutischen Beziehung aktiviert wurde?